Startseite » Muttersein auf dem Spektrum » Allein als autistische Mutter unter den Wesen vom Planeten Mutteropia

Allein als autistische Mutter unter den Wesen vom Planeten Mutteropia

Kennen Sie diese Mütter: Sie sehen gut aus (das heißt Haare immer zurecht gemacht, einigermaßen modisch gekleidet, alles sitzt an seinem Platz, auch das Makeup hat sich adrett an seinen ihm zugedachten Verweilorten an Lidern, Lippen und Wimpern niedergelassen), sie schreiten federnd aus, bewegen sich luftig-locker und vor allem sind sie sorglos-fröhlich, manchmal erzieherisch tadelnd, immer und überall aber – und das ist entscheidend – im Gespräch mit anderen Müttern oder Vätern, ihren Freundinnen, Nachbarn, Passanten, Mitspielplatzbesucherinnen, das Energielevel hoch und höher und anscheinend unerschöpflich, sie sind verspielt, kommunikativ, gesellig, beliebt bei Klein und Groß? Natürlich kennen Sie sie, denn das sind sie, die Mütter halt, die Sorte Frau, die wir uns vorstellen, wenn wir im 21. Jahrhundert an das Wort „Mutter“ denken. Und es gibt sie ja tatsächlich, die Parks und Spielplätze und Cafés und Kindergärten (nicht zu vergessen die Medien) wimmeln nur so von ihnen: Vollzeit berufstätig, zwei bis vier Kinder, trotzdem immer schwungvoll und gut drauf, stets zu einem Pläuschchen aufgelegt. Ich nenne sie „die fabelhaften Wesen vom Planeten Mutteropia“. Zwar weiß ich weder, wie, wann und warum sie auf diese Erde gelangten, noch, was die nie versiegende Quelle ihrer Umtriebigkeit ist (Sonnenenergie, Sauerstoff, H2O?), doch eines weiß ich bestimmt: Ihr Heimatplanet liegt weit, weit außerhalb der Galaxie, die ich bewohne.

Zur Zeit meiner Schwangerschaft (eine herrliche Zeit im Übrigen, sieht man von den ersten drei Monaten der Übelkeit und den letzten drei Monaten der Beschwerlichkeit ab) sowie während der ersten beiden Lebensjahre meiner Tochter hing ich dem ebenso hoffnungsvollen wie unschuldig naiven Irrglauben an, alle Mütter dieser Welt hätten etwas gemeinsam, da sie doch jetzt Mütter seien, es gäbe ein vereinigendes Band zwischen ihnen, geknüpft durch die gleichermaßen natürliche wie bedeutungsvolle Tatsache des Sich-Fortgepflanzt-Habens, des „Besitzes“ von Nachwuchs, des neuen und aufregenden Status der Mutterschaft. Und so besuchte ich auch in freudiger Erwartung alle Kurse, derer ich habhaft werden konnte, ging schwangerschaftsschwimmen, geburtsvorbereiten, babymassieren, PEKIPen, DELFIen, elternkindmusizieren, stets den Gedanken im Kopfe tragend, mit einer dieser vielen schwimmenden, singenden, fingerspielenden Co-Mütter Freundschaft oder doch zumindest Bekanntschaft zu schließen, denn schließlich saßen wir doch jetzt alle im selben Boot, oder nicht?

Nun war es eine der wichtigen Erfahrungen in meinem Leben, dass entgegen meiner blauäugigen Erwartung eine Frau durch den simplen Umstand des Mutterwerdens nicht ihre Persönlichkeit im Kreißsaal abgibt und an ihrer Stelle eine neue erwirbt, sondern dass sie, unabhängig von sozialer Herkunft, Bildungsstand, Alter sowie von Zahl und Lebensjahren ihrer Kinder, genau der Mensch bleibt, der sie zu den Zeiten war, als ihr Uterus noch jungfräulich vor sich hin schlummerte. Das bedeutet, es gab kein Band, das mich mit diesen anderen Müttern oder Müttern in spe hätte verbinden können; es hätte keinen Unterschied gemacht, ob ich diesen Frauen im Rahmen eines Seminars an der Uni, im Bus oder eben im PEKIP-Kurs begegnet wäre. Ja, ich hatte nun ein Kind, so wie sie, sonst aber einte mich nichts mehr mit ihnen als mit all den anderen Vertreterinnen diverser peer groups, welchen ich im Laufe meines Lebens begegnet war. Nein, man wird kein anderer Mensch, wenn man Eltern wird, man bleibt dasselbe fehler- und mackenhafte Individuum, das man vorher war, nur jetzt eben mit einem kleinen Menschen zuhause, der mehr Aufmerksamkeit, Liebe und Kraft auf sich bündelt, als man je geglaubt hatte, zu geben imstande zu sein.

[alle Texte dieser Seite sind das geistige Eigentum der Autorin. Kein Kopieren oder Veröffentlichen ohne zuvor eingeholte Genehmigung]

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s