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Eine „aspergische“ Kurzgeschichte

Den folgenden Text habe ich vor etlichen Jahren geschrieben, zu einer Zeit lange vor und weit weg von meiner Autismus-Diagnose. Längst hatte ich nicht mehr an diesen Text gedacht, er schlummerte irgendwo in den Untiefen meines Rechners, bis ich vor Kurzem wieder auf ihn stieß. Handlung und Figuren der Geschichte sind rein fiktiv.

Tee

Ich sitze da. Und ich weiß, sie ist hier. Ohne jeden Zweifel ist sie hier, nur einige Zentimeter von mir entfernt, vermutlich nicht einmal einen Meter. Ich weiß, sie ist hier und sieht mich an und krümmt den Raum. Und also besitzt sie Schwerkraft, wie jeder Körper im Universum. Und ich sitze da und krümme meinen Raum. Und irgendwo in der Mitte treffen sich unsere Raumkrümmungen und an ihren Rändern ziehen unsere Schwerkräfte mal in diese, mal in jene Richtung, sodass am Ende ein raumzeitliches Gleichgewicht herrscht. Doch manche Schwingungen überwinden die Raumkrümmung ihres Körpers und treten ein in meine. Signale. Wellen. Impulse vielleicht, wer weiß. Und diese Schwingungen treffen auf meine Haut, dass ich sie fühle auch wenn ich sie nicht sehe. Sie nicht ansehe. Meine Haut fängt leicht an zu brennen, da, wo ich ihren Blick zu spüren glaube (also da, wo die Schwingungen ihres Körpers auf den meinen prasseln). Und dieses Brennen – oder ist es nicht vielmehr ein Kribbeln? – pflanzt sich fort über die Nervenbahnen in mein Gehirn und dort setzt es sich fest und beginnt zu nagen.

Du weißt, sie ist da, und du weißt, sie will etwas von dir, muss ja etwas von dir wollen; warum sagt sie es nicht? Aber sie sagt nichts. Und also sage ich nichts. Und dann sagt sie meinen Namen und ich sehe auf, nach ihr hin, in ihr Gesicht und sie sieht mich an. Und ich fühle es wieder, fühle es jetzt wieder stärker werden, dieses Gefühl wie wenn jemand dir in die Eingeweide greift und darin herumfingert. -„Was?!“ frage ich, im Ton wohl etwas zu gereizt, denn sie verzieht das Gesicht, nicht viel, aber doch merklich und hebt ein wenig dabei die Augenbrauen. Als meine Augen wieder am Tisch sind, wo nichts ist außer blöden, halb abgebrannten kleinen Kerzen in runden Metalldöschen, die sich beinah überall breit zu machen scheinen sobald man einmal kurz unaufmerksam ist (-ja, ich weiß, Sie haben es längst erraten, es handelt sich um die so genannten „Teelichter“, aber ich weigere mich, die Dinger so zu nennen, da ihre semantische und pragmatische Beziehung zum Tee eine bestenfalls als „lose“ zu bezeichnende ist), beginnt sie zu sprechen. Und spricht und spricht, quaquaqua, und ich lasse es geschehen. Was ist der Punkt, Schätzchen?, wenn du nur einmal auf den Punkt kommen würdest, dann würdest du es allen leichter machen, dir und mir. Und dann entsteht eine Pause, sie hat aufgehört zu sprechen und sieht mich wieder nur an (vermute ich), denn nichts tut sich mehr. Mir fällt das Heben und Senken meiner Brust auf – war das immer schon so offensichtlich? – und sehe, wie dabei die Querstreifen meines Pullovers außer Form geraten. Schief, gerade, schief, gerade. Ich möchte den Pullover über der Brust mit den Händen etwas spannen, um diesen Effekt zu beenden, halte dann aber kurz davor inne, denn wenn ich jetzt anfange, die Querstreifen auf meinem Pullover geradezuziehen, könnte sie das womöglich als grobes Desinteresse an ihrer Person fehlinterpretieren und daraufhin vorübergehend den Verstand verlieren und unvernünftige Dinge tun, wie zum Beispiel:

  1. a) schreien
  2. b) wild gestikulieren
  3. c) aufspringen

oder

  1. d) alles gleichzeitig.

Stattdessen hat sie gesprochen und wartet jetzt auf eine Antwort. Ja, eine Antwort. Wenn man nur wüsste, was die richtige ist. Doch glücklicherweise nimmt sie mir diese schwere Entscheidung ab, indem sie aufsteht und den Raum verlässt, wobei ich ihren leicht überdimensionierten Hintern an meinen Augen vorbeiziehen sehe. Immerzu trägt sie blaue Hosen. Dunkelblau. Und unter uns gesagt, etwas zu eng geschnitten für ihre Figur.

Aus der Küche kommen bekannte Geräusche, sie ist dabei, sich einen Tee zu machen. Immerzu Tee. Nie konnte ich die Leidenschaft für dieses heiße Wasser mit Farbe teilen, dessen Verzehr stets gewissermaßen sein eklig aufgedunsenes, schleimig nasses Verdauungsprodukt hinterlässt. Diskret einen Tee zu trinken ist unmöglich, immer wird der auf einer Untertasse hockende braune, schwarze oder rote Beutel dich verraten – merket auf, merket auf, hier wurde Tee getrunken! Geradezu widerlich penetrant so was. Kaffee hingegen ist da viel dezenter. Man kocht ihn, trinkt ihn, weg ist er (sofern man sich keinen Filterkaffe einverleibt, was aber nur kulturlose Menschen tun). Und auch olfaktorisch sind die beiden nicht zu vergleichen, seien wir ehrlich! Wurde Kaffee gekocht, dann duftet es in der ganzen Wohnung, ja manches mal sogar schon im Treppenhaus, nach Ferien am Mittelmeer, nach einem kleinen Straßencafé mit runden Glas- oder Steintischchen, an denen mit Müh und Not gerade zwei Leute samt ihren Tassen Platz haben, nach Oleanderbüschen, weißen Häuschen mit Balkonen, von denen Wäsche zum Trocken hängt, nach einem Herrn mit Baskenmütze, der auf dem Fahrrad vorbeifährt, in seinem Korb Baguette oder Croissants, und du brauchst dich nur einmal auf deinem Sessel nach vorne zu lehnen und scharf nach rechts zu schauen und du siehst das Meer, das schon langsam mit dem rosablauen Abendhimmel verschmilzt.

Tee dagegen stinkt nach Kotze.

Zumindest der, den sie immer trinkt. Diese rote Brühe, die irgendwann in ihrem früheren Leben Bekanntschaft mit einem Gebüsch gemacht hat und sich seitdem „Früchtetraum“ nennen darf, oder irgendetwas ähnlich Bescheuertes. Naja, manche Menschen sind eben einfach unbelehrbar. In das Klappern ihres Geschirrs mischt sich Geschnatter. Ach ja, richtig, sie ist der Ansicht, wir führten eine Diskussion. Und ich bin ihr immer noch eine Antwort schuldig. Welche Antwort würde sie zufrieden stellen? Zur Auswahl stehen:

Variante A) Ja, ich weiß (Bei Anwendung dieser Aussage sollte nicht vergessen werden, die Stimme mit einem zwar sachten aber doch wahrnehmbaren seufzerhaften Unterton zu unterlegen, der darauf hinweisen soll, dass man im Unrecht ist und diesen Fehler auch einsieht)

Variante B) Müssen wir jetzt darüber reden? (Vorsicht beim Gebrauch dieser Aussage, sie kann möglicherweise unvorhergesehene soziale Komplikationen sowie eine unnötige Verlängerung der Gesamtgesprächsdauer inklusive emotionaler Ausbrüche seitens des dergestalt Angesprochenen nach sich ziehen)

Variante C) Reg dich doch nicht so auf! (Die Verwendung dieser Aussage beinhaltet ein noch größeres Gefahrenpotential als Variante B und sollte daher nur im äußersten Notfall zum Einsatz kommen)

und schließlich

Variante D) Schweigen (Der Vorteil der Bequemlichkeit dieser Variante wird leider zumeist durch den Nachteil der unkontrollierbaren Fortsetzung des Gesprächs seitens des Angeschwiegenen aufgehoben).

Angesichts dieser Auswahlmöglichkeiten und eingedenk der antizipierten Folgeerscheinungen eben dieser Auswahlmöglichkeiten entscheide ich mich für Variante A und versuche dabei, meiner Stimme ein besonders mitgefühlsvolles Timbre zu verleihen. Doch entgegen meiner Kalkulation bringt sie dies nicht zum Verstummen, vielmehr redet sie unbeirrt weiter, als ob mein dahingeschmachtetes „Ja, ich weiß“ sie nicht im Mindesten besänftigt hätte. Irgendetwas läuft hier eindeutig schief! Was bleibt mir also anderes übrig? Ich erhebe mich widerwillig von meiner gemütlichen Sitzposition und folge ihr zeitverzögert in die Küche. Als ob ich es nicht ohnehin schon gewusst hätte, empfängt mich dort ein in sich eingesackter roter Haufen auf einer meiner Untertassen, welche bestimmt ebenso gegen ihren Willen zu diesem Behufe missbraucht wurde, so denke ich mir voll des Mitleids für mein Steingut, das Ganze umtänzelt von einer Aura aus sattem Odeur von Erbrochenem.

Sie sitzt derweil schon am Küchentisch, den Rücken gegen das Fenster und also das fragende (oder fordernde?) Gesicht mir zugewandt, die Augenbrauen erhoben (immer noch oder schon wieder?), den rechten Zeige- und Ringfinger nervös gegen meine Tasse klopfend. Und ich mache zwei Schritte in ihre Richtung, nehme mir den zweiten Küchenstuhl und setze mich ihr gegenüber – wenn sie sitzt, werde ich nicht stehen bleiben –, doch wohl darauf bedacht, mich dabei einen Hauch nach links zu drehen, sodass zwischen ihr, mir und der Küchenzeile ein spitzes Dreieck entsteht und meine natürliche Blickrichtung schnurstracks geradewegs auf die Mikrowelle verläuft (die übrigens seit drei Tagen nicht mehr funktionstüchtig ist, weil sie der Meinung war, eine meiner Tassen mit Goldrand in meine Mikrowelle zu stellen, und letztere damit aus dem Verkehr zog). Ihr Mund bewegt sich, ihre Stirn zieht sich in horizontale Falten (weiß sie eigentlich, dass sie mit diesem Gesichtsausdruck gut und gerne zehn Jahre älter aussieht?), doch ihre Pupillen bleiben, wie ich aus dem Augenwinkel wahrzunehmen glaube, gnadenlos auf mein Gesicht geheftet, so sehr sich auch der Rest ihres immer noch von einer Reminiszenz von Akne besprenkelten Antlitzes bewegen, verkrampfen und wieder entkrampfen mag. Als ob die beiden Systeme gar nicht zusammenhingen – ja, fast scheint es so, dass je konvulsivischer ihre Gesichtsmuskeln werden, desto unbeweglicher und fixierender wird ihr Blick. Welch Paradoxie!

Was soll´s, ich habe meine Mikrowelle (meine kaputte Mikrowelle), die sich mir ihre mit hellbraunen Tupfen gezeichnete Seite zum Betrachten anbietet. – Igitt, ist das etwa Fett? Typisch, was sie auch immer alles in Fett braten muss, dass das ganze Haus auch dann noch danach stinkt, wenn das Essen schon längst wieder ausgeschissen ist?! Und dann noch Spritzer auf meiner Mikrowelle hinterlässt. Und diese dann kaputtmacht. „Du, ich rede mit dir!“, faucht es mir plötzlich entgegen, wie von einem Berg heruntergerufen, als wäre ich taub oder blöd oder beides. „Jaaa!“, fauche ich zurück, wahrscheinlich etwas zu ungehalten oder laut, denn sie rollt die Augen nach oben und sperrt den Mund noch ein Stückchen weiter auf, als hielte jemand ihren Kopf in die volle Badewanne und sie wäre am Ersaufen. Dass die Menschen auch immer denken, man könne sie nicht hören, wenn man sie nicht ansieht. Das ist in etwa so wie bei kleinen Kindern, die glauben, unsichtbar zu sein, wenn sie sich die Augen zuhalten. Das eine wie das andere ein Irrglaube, aber mach ihr das erst mal einer klar! „Würdest du dich dazu vielleicht auch einmal äußern?“. Aja, Standardspruch Nummer 2. Sie hat einige davon. Zwei davon haben Sie jetzt schon kennen gelernt:

Nummer 1) Du, ich rede mit dir! (in praktisch jeder beliebigen Situation anwendbar)

Nummer 2) Würdest du dich dazu vielleicht auch einmal äußern? (Folgeerscheinung von überstrapazierter: a) Schweigezeit meinerseits und b) Ausdauer im Warten-Auf-Eine-Aussage-Meinerseits ihrerseits)

Daneben werden noch beobachtet:

Nummer 3) Ich finde das jetzt nicht lustig! (ein als Aussage getarnter Vorwurf, der den so Angesprochenen dazu bringen soll, den Inhalten der verlaufenden Kommunikationssituation eine auch nach außen bekundete größere Bedeutung beizumessen)

und schließlich:

Nummer 4) Was bist du wieder so komisch? (so wie bei Nummer 1 situativ unbegrenzte Möglichkeit der Anwendung, bevorzugte Verwendung aber als spontanes Totschlagargument wenn sonst gar nichts mehr geht).

Würde ich mich also dazu vielleicht auch einmal äußern? Ich sehe hilfesuchend zu meiner fettbespritzten, goldrandverursacht lahmgelegten Mikrowelle hinüber, doch die weiß auch keinen Rat. „Was soll ich denn sagen?“, entquäle ich mir also und lasse den Blick auf ihre Finger schwenken, die inzwischen – wann war es denn, ich hab es gar nicht mitbekommen? – zu trommeln aufgehört haben. „Ja,…. das weiß ich nicht!“ spricht es zischend aus ihrem Mund, dessen Winkel jetzt ebenso hinunterhängen wie ihre Augenbrauen. Tja, wenn sie es nicht mal weiß!

Verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, ich bin kein unkommunikativer Mensch. Na gut, schön – ich bin ein unkommunikativer Mensch, aber nicht aus Böswilligkeit heraus oder aufgrund puren Desinteresses am Schicksal meiner Mitmenschen! Ich bin nur einfach der Auffassung, dass wenn man nichts Wichtiges zu sagen hat, man es gleich bleiben lassen sollte. Dieses Prinzip versteht sie natürlich nicht. Dieses Prinzip versteht überhaupt so gut wie niemand – wie anders ist der ganze Müll zu erklären, der uns tagtäglich um die Ohren fliegt, ob wir es nun hören wollen oder nicht. Der ganze Schrott, den die Menschen sich erzählen, wenn sie im Zug sitzen und mit dem Handy telefonieren: „Rate mal, wo ich gerade bin? Nein, da bin ich nicht. Nein, da auch nicht. Nein, da bin ich schon vorbei gefahren.“ Oder das Gedusel und Gekreisch, das in jeder Sekunde des lieben langen Tages aus dem Fernseher quellt, als gäbe es nichts Bedeutenderes auf diesem Planeten als die Farbe und Textur der Unterwäsche einer völlig geistfreien Person, die sich seit ihrem 3-minütigen Auftritt in einer Castingshow mit dem Titel „Germanys next Sachbearbeiterin“ für den Nabel der Welt hält.

Und jetzt stellen Sie sich einmal vor, dass ab morgen 0 Uhr unter Androhung der Todesstrafe bei Zuwiderhandeln nur noch wichtige und bedeutende Dinge gesagt werden dürften! Welch traumhafte Welt das wäre, in der nur noch Dinge gesagt würden wie: „Vorsicht, da schwimmt ein Hai!“, oder „Penicillin heilt Syphilis“! Und das Armageddon für alle privaten Fernsehkanäle und Radiostationen. Sämtliche Handynetzbetreiber würden pleite gehen, sämtliche Psychologen sich erhängen. Wunderbar! Und stellen sie sich vor, was als nächstes passieren würde: Man würde den Wind in den Baumkronen rauschen hören und die Vögel zwitschern und den Kies knirschen, wenn man drüber läuft! Man würde plötzlich bemerken, dass es auch noch Anderes gibt auf dieser Erde als nur uns Menschen und unsere Probleme und Problemchen, andere Lebewesen, andere Dinge, das Wetter, die Gezeiten. Es müsste nur mal jemand den Anfang machen; vielleicht ließe sich eine Bewegung initiieren: „Hab Mut zum Schweigen!“, „Gleiches Recht für Stille!“, „Widersetzt euch dem Druck zur sinnentleerten Konversation!“, „Mute Pride!“ – oder so.

Doch bis es soweit ist, atme ich tief durch, sehe ihr in die Augen, setze mir ein Lächeln aufs Gesicht, sammle all meine Energien und sage: „Worüber willst du denn sprechen, Schatz?“.

[alle Texte dieser Seite sind das geistige Eigentum der Autorin. Kein Kopieren oder Veröffentlichen ohne zuvor eingeholte Genehmigung]

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