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Coming out of „komisch“. Über Normkonformismus und Nonkonformismus

Wenn es ein Wort gibt, dass mich den größten Teil meines bisherigen Lebens hindurch begleitet hat, ein Wort, das an mir klebt wie eine lästige Klette, hundertfach vermeintlich abgestreift, nur um stets aufs Neue feststellen zu müssen, dass es sich abermals in der Kleidung verfangen hat, ein Wort, das immer wieder wie ein hässlicher Nachtgnom aus dem Schatten tritt, der mich angrinsende Mund hinter schiefen braunen Zahnstümpfen einen fauligen Geruch freigebend, sobald ich in Kontakt mit anderen Menschen trat, in Schule, Spielplatz, Arbeit, oder weiß der Kuckuck wo – dann ist es dieses eine scheinbar harmlose kleine Wörtchen „komisch“.

Nun kann „komisch“ freilich prinzipiell zweierlei bedeuten. Zum einen bezeichnet es, und das ist die positiv konnotierte Bedeutungsvariante dieses Adjektivs, etwas, das uns belustigt, uns zum Lachen bringt, etwas Humoriges also. Die zweite, pejorative Bedeutung hingegen erläutert Herr Duden mit: „sonderbar, seltsam, mit jemandes Vorstellungen, Erwartungen nicht in Einklang zu bringen“. Wenn ich nun für jedes Mal, dass irgendjemand zu mir sagte: „du bist komisch“ einen Euro bekommen hätte, wäre ich heute zumindest nicht arm. Und dabei können wir wohl getrost davon ausgehen, dass damit in den allermeisten Fällen die zweitgenannte Bedeutung des Wortes gemeint war.

„Du bist komisch.“ Aber ich sag dir nicht, warum!

Begonnen hat meine langjährige Karriere (oder sollte man fast sagen, mein Lebenswerk?) als „die Komische“ in der Grundschule. Kinder – oder was das betrifft, Menschen überhaupt – besitzen ein beinahe haiartiges Gespür dafür, Leute zu entdecken und in der Folge auszugrenzen, die auf welche Art auch immer anders sind als sie selbst. Und so hatten meine Klassenkameraden vermutlich schon im Laufe des ersten Schuljahres Blut geleckt, woraufhin ich mich über die folgenden Jahre langsam und widerwillig von der Illusion verabschiedete, jemals ganz zu ihnen gehören zu können. Das Tragische allerdings an dieser Entwicklung war, dass ich mir über deren Ursachen völlig im Unklaren war. Jedes andere Kind schien beinahe auf den ersten Blick festzustellen, dass ich nicht „normal“ sei und daher einer Sonderbehandlung bedürfe; und „Sonderbehandlung“ bedeutete in diesem Fall Ausgrenzung, Verächtlichmachung, Demütigung. Der einzige Mensch, der diesen Makel nicht und nicht entdecken konnte, war ich selbst. Denn es hat sich leider niemals jemand die Mühe gemacht, mir auch mitzuteilen, warum ich denn komisch sei. Woran lag es, wodurch war es ersichtlich, wie äußerte es sich genau, dieses ominöse, dieses allgegenwärtige, von jedem außer mir selbst sofort wahrgenommene, aber nie erklärte „Komisch“-Sein? Wenn nur irgendjemand sich wenigstens ein einziges Mal sich die Zeit genommen hätte, mir zu offenbaren, was genau es denn nun sei, das mich in seinen oder ihren Augen so „komisch“ machte, so wäre ich ohne jeden Aufschub und liebend gerne an den Versuch gegangen, genau dies zu ändern. Wenn man mir beispielsweise gesagt hätte: „Die Art, wie du beim Sprechen deine Hände bewegst, ist komisch“, so hätte ich mich aufrichtigen Herzens bemüht, meine Hände beim Sprechen in Hinkunft anders zu bewegen. Wenn man mir gesagt hätte: „Deine Kleidung ist komisch“, so hätte ich bestimmt ab dem nächsten Tag andere Klamotten getragen. So stark war mein Wunsch, so zu sein wie alle anderen, nicht aufzufallen, übersehen zu werden, nicht herauszustechen aus der Masse, dass ich vermutlich, wenn ich nur gewusst hätte wo ansetzen, fast alles dafür getan hätte.

Auch wenn man es mir heute deutlich seltener ins Gesicht sagt als zur Zeit meiner Kindheit und Jugend (Kinder und Teenager sind im Allgemeinen nicht für ihr besonders ausgeprägtes Taktgefühl Gleichaltrigen gegenüber bekannt), so hat sich bis zum heutigen Tag nichts wirklich Grundlegendes an dem Umstand geändert, dass ich den allermeisten meiner Mitmenschen, den einen von Anfang an, den anderen erst etwas später, suspekt bin, sie entweder nichts Rechtes mit mir anzufangen wissen und/oder ihnen meine Anwesenheit auf irgendeine, vielleicht sogar für sie selbst gar nicht recht bestimmbare Weise unbehaglich ist, oder aber sie sich durch etwas an mir in nicht eben empathischer Art amüsiert sehen – kurz, dass sie mich „komisch“ finden. Und bis heute findet es im Grunde niemand der Mühe wert, mir mitzuteilen, woran er oder sie dies festmachen zu können glaubt und was ich wohl seiner oder ihrer Meinung nach dafür tun könnte, um in seinen oder ihren Augen „weniger komisch“ zu sein.

von der Normokratie zur Menschlichkeit

Nun hat sich seit meiner Diagnose zwar das Verhalten der anderen Menschen um mich herum (wen wundert’s?) nicht geändert und es fällt mir kaum weniger schwer als seit eh und je, mit Ablehnung und Unverständnis seitens meiner Mitmenschen umzugehen. Was sich geändert hat ist, dass ich begonnen habe, daran zu zweifeln, ob es tatsächlich der Königsweg sein kann oder sein sollte, sich in jeglicher Hinsicht einer tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen gesellschaftlichen „Norm“ anpassen zu wollen, die mir nicht nur in vielen Fällen kaum greif- und benennbar erscheint, sondern welche ich in mancherlei Hinsicht wohl auch nie (dauerhaft und authentisch) erreichen werde können. Letztlich stehe ich vor der Entscheidung, ob ich damit fortfahren möchte, zu versuchen, mich einer für mich gar nicht definierbaren „Norm“ anzupassen (was ja im Grunde schon im Voraus zum Scheitern verurteilt ist, denn wie soll man sich an etwas anpassen, dass man nicht einmal identifizieren kann?), mich dabei verleugnen, verbiegen, Stress und Leidensdruck akkumulieren bis zum nächsten Zusammenbruch (und der wartet meist schon hinter der nächsten Ecke). Oder ob ich beginnen möchte, mich so anzunehmen, wie ich bin, auch wenn sich dieses „so“ sich in vielen Dingen unterscheidet von dem, wie die Mehrheit eben so drauf ist.

Schon mehrfach habe ich davon gelesen, dass die Hauptschwierigkeit vieler Menschen auf dem Spektrum darin besteht, dass sie gezwungen sind, in einer Welt zu leben, die auf die Eigenheiten und Bedürfnisse neurotypischer Menschen ausgerichtet ist. Klar, die Mehrheit gibt nun mal den Ton an. Aber wäre es nicht denkbar, dass wir es all den Menschen (nicht nur jenen auf dem autistischen Spektrum), die in irgendeiner Weise anders funktionieren als die tonangebende Mehrheit ein kleines bisschen weniger unangenehm machen, indem wir versuchen, Andersartigkeit des Charakters, der Person, des Aussehens und Verhaltens (sofern sie niemandem schadet) auszuhalten und nicht gleich abzuwerten, auszugrenzen oder uns darüber lustig zu machen? Wann haben Sie das letzte Mal über einen Rollstuhlfahrer gelacht, weil er nicht so gut gehen kann wie Sie? Wann haben Sie das letzte Mal über einen Sehbehinderten gesagt: „Was für ein komischer Vogel, der kann ja nicht mal die Zeitung lesen!“ Ich würde mir wünschen, dass meine Tochter einmal in einer Welt leben wird, in der der Wert eines jeden Menschen daran bemessen wird, dass er ein Mensch ist, und nicht daran, wie –vermeintlich– normkonform oder nonkonform er ist.

Deshalb nun zu guter Letzt meine dringende Bitte an alle da draußen: Wenn Sie einem Menschen begegnen, der Ihnen seltsam, ungewohnt, unerwartet – kurz, nicht in allem ganz genauso wie Sie selbst erscheint, dann stellen Sie sich doch einmal folgende Frage: „Kann ich damit leben?“ Wenn ja, belassen Sie es einfach dabei und akzeptieren Sie Ihr Gegenüber so, wie es ist! Es kostet Sie nichts und für den anderen Menschen kann es viel bedeuten, zur Abwechslung einmal einfach zu angenommen zu werden, wie die Natur ihn geschaffen hat. Wenn Ihre Antwort „nein“ lautet und Sie nicht damit leben können, dass andere Menschen nicht in allem genauso sind wie Sie selbst, haben Sie zwei Möglichkeiten: Erstens, Sie teilen Ihrem Gegenüber mit, was Sie so furchtbar an ihm irritiert und schaffen damit die zumindest theoretische Voraussetzung dafür, dass dieser Mensch sich Ihrer Normerwartung anpasst, wenn er dies kann und will. Zweitens (und diese Variante möchte ich Ihnen ans Herz legen!), Sie denken einmal darüber nach, warum Sie eigentlich solche Schwierigkeiten damit haben, Andersartigkeit zu respektieren.

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