Mütter-TÜV

Falls Mütter sich entscheiden, sich einen Lieblingsfeind zuzulegen, ein Objekt der moralischen Empörung, selbstgerechten Beurteilung und ins Kleinste gehenden kritischen Begutachtung, dann sind es nicht etwa kinderlose Paare, Rentner, Hundebesitzer oder sportwagenfahrende Junggesellen, nein, dann sind es – andere Mütter! Sie mögen es nicht immer sofort offen zeigen, aber glauben Sie mir: Das Aufspüren von und die Entrüstung über die vermeintlichen Erziehungsfehler anderer ist der Lieblingssport der meisten Prä- und Postgebärenden. Wer sich da als Schwangere erdreistet, ein Stück Camembert zu essen, wer seinem Baby zuerst Banane statt Karotte füttert (oder umgekehrt), wer mit neun Monaten nicht mehr stillt oder mit neun Monaten immer noch stillt (oder, Gott bewahre, nie gestillt hat!), wer seinem Kind einen Schnuller gibt oder den Schnuller vorenthält, wer es zu wenig trägt oder niemals ablegt, der bekommt im allgemeinen Mütter-TÜV schon mal gaaanz miese Noten. Doch ein solches Ranking gibt es nicht nur für Mütter und ihre situativ und individuell immer wieder neu bewertete Erziehungsfähigkeit, sondern selbstverständlich auch für die Kinder selbst. Und das beginnt sogar schon vor der Geburt! Da lässt sich so wunderbar viel vergleichen, und alles, was irgendwie verglichen werden kann, wird mit Sicherheit auch verglichen werden. Kopfumfang, Gewicht, Anzahl der durchgeschlafenen Stunden pro Nacht, und dann, mit ein paar Monaten, geht es richtig los, Vorsicht: „Meines dreht sich schon!“, „Was, sie krabbelt noch nicht?“, „Meiner sitzt schon frei“, „Warum sitzt meiner noch nicht frei?“, „Sie geht schon ohne Festhalten!“, „Ach, deins geht noch nicht?“, „Wir sprechen schon“, „So groß und hat noch einen Schnuller?“, „Wir sind schon windelfrei!“, „Ach sie hat immer noch Windeln?“. Diese Aufzählung ist bis zum Kindesalter von 25 Jahren beliebig verlängerbar.

Sprechen im Wir-Modus

Was mich an solchen Aussagen immer besonders irritiert hat, war dieses von manchen Müttern in wahrhaft grenzen-loser Identifikation mit ihrem Kind bemühte Pronomen „wir“, wenn sie doch in Wahrheit nur von ihrem kleinen Windelträger sprachen: „Wir essen schon Brei“, „Wir robben jetzt“, „Wir haben Blähungen“. Wie darf man sich das vorstellen, sitzen da Mutter und Baby einträchtig nebeneinander auf ihren Hochstühlen und futtern Kürbismatsch? Robben sie gemeinsam auf dem Wohnzimmerteppich hin und her, oder haben sie – na gut, das dritte Beispiel könnte tatsächlich beide betreffen, das möchte ich an dieser Stelle nicht beurteilen. Eine solche, die unsichtbaren Grenzen des eigenen Selbst überschreitende oder vielleicht sogar auflösende Ineinssetzung mit dem eigenen Nachwuchs habe ich für meinen Teil nie erlebt. Und ehrlich gesagt, ich wüsste auch nicht, wozu das gut sein sollte. Ich bin ich und meine Tochter ist sie selbst, weder sind wir physisch zusammengewachsen (und waren es nie wirklich, da die Plazenta vom Embryo gebildet wird, soweit ich weiß), noch haben wir immer dieselben Intentionen, Interessen, Gedanken oder Gefühle (obwohl das vieles so viel einfacher machen würde…).

Ich will! Jetzt!

Dass meine Tochter eine eigene, starke kleine Persönlichkeit ist, stellte sie seit ihren ersten Lebenstagen mit Nachdruck unter Beweis. Von da an  gab sie uns immer, unmittelbar und keinerlei Abweichung duldend zu verstehen, was sie WOLLTE und was sie NICHT WOLLTE, und dass sie es SOFORT WOLLTE. In größtes Erstaunen versetzt es mich noch heute, wenn ich Kleinkinder oder gar Säuglinge anderer Leute sehe, die minuten-, wenn nicht gar stundenlang selbstzufrieden irgendwo liegen, sitzen oder umherlaufen, vergnügt vor sich hin glucksen, die Welt um sich (inklusive der eigenen Eltern) vergessend mit einer Rassel oder einem Sandschäufelchen spielen, die Eltern auf einer Parkbank sitzend, zwei, fünf oder gar zehn Meter entfernt, in einer Zeitung blätternd, telefonierend, oder irgendetwas anderes Erwachsenes tuend. Einmal zum Beispiel machten wir Urlaub am Meer, da sah ich eines Tages am Strand eine Familie mit einem vielleicht zweijährigen Jungen und einem Mädchen von einigen Monaten. Und da wurde ich Augenzeuge folgender bemerkenswerter Szene: Der Junge saß schweigend da und spielte mit seinem Sandspielzeug im Sand, das Baby saß schweigend da und spielte mit irgendetwas auf der Decke und die Mutter saß schweigend da und las ein Buch. Las! Ein! Buch! Und dass, obwohl beide Kinder sowohl wach als auch anwesend waren. Dieses Bild hat sich wohl für immer unter der Kategorie „fantastische Begebenheiten“ in mein visuelles Gedächtnis eingebrannt.

Aber jetzt muss ich mal schnell aufhören zu schreiben – wir wollen Stofftiergeburtstag spielen!

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